Feiertagskommerz…oder Weihnachten bei uns zu Hause

Feiertagskommerz…
…oder Weihnachten bei uns zu Hause

Es ist nichts Neues: Das Weihnachtsfest gerät seit Jahrzehnten immer mehr in den Sog des Kommerzes. Hektische Betriebsamkeit und zuweilen grotesk anmutender Kaufrausch befällt die Menschen wie ein Virus. Den Höhepunkt dieses Kommerzspektakels bilden unbestritten die Tage kurz vor Heiligabend. Lange Schlangen an den Kassen, überquellende Einkaufswägen und aufgetürmte Waren auf den Kassenbändern bestimmen das Bild in den Supermärkten. Desgleichen sieht man ratlos suchende und genervt schwitzende Menschenmengen in Kaufhäusern und Geschäften. Das Ganze wird komplettiert durch eine Vielzahl von saisontypischen Waren auf regionalen Weihnachtsmärkten und dem unüberschaubaren Angebot des Online-Shoppings. Nicht grundlos gilt die Vorweihnachtszeit als die umsatzstärkste Zeit im Handel.

Ich gebe es zu, auch ich schaue immer wieder gerne auf die angepriesenen, herrlichen Weihnachtsdekorationen. Dieser „Glitzer-Flitter-Glänze-Kram“ ist doch zu verlockend und hin und wieder gerate ich in Versuchung, mir eine Kleinigkeit in meinen Einkaufskorb zu legen. Doch dann hole ich zu Hause meine Weihnachtsdeko hervor und staune, was ich alles habe. Drei kleine Kartons mit schönstem Zierrat. Dazu ein großer Karton mit Christbaumschmuck in rot, kupfer und gold. Die lilafarbenen Kugeln habe ich bereits verschenkt. Strohsterne in verschiedensten Formen und Größen; güldene Glöckchen und Zapfen – aus Naturmaterialen, Kunststoff oder Glas -; Nussknacker in verschiedenen Farben und Größen; selbstgebastelter Weihnachtsschmuck aus dem Kindergarten und eigene, handgefertigte Kreationen vervollständigen das Sortiment. Tischdecken und Deckchen mit weihnachtlichen Motiven runden meinen Fundus ab. Ich muss zu meiner Verteidigung sagen, dass ich nicht alles davon selbst gekauft habe, sondern einiges aus dem Nachlass meiner Familie stammt. Nein, ich brauche wahrlich nichts Neues. Ich benutze sowieso meist die gleiche Dekoration. Mein Lichterbogen bspw. hat mehr als 20 Jahre auf dem Buckel, doch ich mag ihn, auch wenn er schon einen leichten Wackelkontakt hat und manche Birnchen nicht mehr ganz so hell leuchten. Nein, ich möchte mir nichts mehr kaufen. Was ich habe, reicht bis an mein Lebensende.

Meine Familie und ich haben dem dekadenzträchtigen Wahnwitz des vorweihnachtlichen Kommerzes den Rücken gekehrt. Wir feiern und genießen das Fest der Feste – diese gigantische, globale Geburtstagsparty – mit Spaß und Freude. Es gibt weder feste Riten, noch starre Abläufe. Es geht am Weihnachtsabend ausgesprochen locker und entspannt zu. Das beginnt bereits bei der Uhrzeit. Sie wird zwar grob festgelegt, darf aber gerne über- oder unterschritten werden.

Und damit nicht eine Person den ganzen Tag in der Küche stehen muss, haben wir uns darauf geeinigt, dass jeder etwas für unser gemeinsames Abendessen mitbringt. Dabei kristallisierte sich in den vergangenen Jahren eine gewisse Kontinuität heraus: Jeder spezialisierte sich auf eine bestimmte Speise. In mein Resort fiel u.a. die Zubereitung der allseits beliebten Weihnachtsbowle – nach Mutterns Rezept im 10l-Eimer, lecker, süffig und ohne Schnickschnack. Wer dennoch etwas Besonderes möchte, bringt es selber mit.

Ein ungewöhnlicher Auftakt zu unserer Feier ist die Suche nach dem Weihnachtsvögelchen. Dazu muss ich erklären, dass ich vor vielen Jahren ein Deko-Vögelchen von der Größe eines Spatzes geschenkt bekam. Lange wusste ich nichts mit dem gefiederten Tierchen anzufangen, bis mir eines Tages die Idee kam, es spaßeshalber in den prächtig geschmückten Weihnachtsbaum zu setzen. Mit seinem braun gemusterten Federkleid war der kleine Geselle im dichten Nadelgrün vortrefflich getarnt und niemandem fiel er auf. Ich wies meine Gäste gezielt darauf hin und ließ sie das Vögelchen suchen. Keine leichte Aufgabe bei einer buschig voluminösen Nordmanntanne. Die Suche nach dem Weihnachtsvögelchen im Christbaum wurde zum „running gag“ und später zur beliebten Tradition.



Während jeder neu ankommende Gast erst einmal einige Zeit damit beschäftigt ist, wird das Gedränge an der Küchenzeile immer dichter. Es wird gebrutzelt, aufgewärmt und vorbereitet. Freier Platz für mitgebrachtes Essen wird immer rarer. Salate – der obligatorische Kartoffelsalat darf selbstverständlich nicht fehlen -, Käsespieße, Würstchen, für die Fleischlos-Esser Gemüsebratlinge, Brot und Baguette, Obst, Plätzchen, Süßigkeiten und das Dessert wollen untergebracht werden. Abendbrot und Bescherung gestalten sich offen und flexibel, je nach Hungergefühl und gespannter Vorfreude.

Ja und mit der Bescherung wären wir wieder beim eigentlichen Thema. Vor Jahren waren wir uns einig: Es gibt keine Geschenke mehr. Dieser Vorsatz scheiterte kläglich. Nur eine einzige meiner Familie hielt sich tatsächlich daran. Alle anderen brachten eine Kleinigkeit mit. Ok, das hatte also schon mal nicht funktioniert. In unseren Breiten scheinen Weihnachten und Geschenke untrennbar miteinander verbunden zu sein. So einigten wir uns auf einen Kompromiss: Geschenke ja, aber nur selbstgebastelt. Eine enorme Herausforderung für all jene, die nicht mit einem Bastel-Gen zur Welt kamen. Umso erstaunlicher waren die Ergebnisse. Die handmade-Kreationen reichten von A wie Apfelmännchen (welche übrigens viele Ahhs und Ohhs ernteten) bis Z wie Zimmerpflänzchen (noch ganz klein, aber selbst gezogen). Es gab wundervolle, aus Naturmaterialien gefertigte Weihnachtsdeko, die man immer wieder verwenden kann; Schlüsselanhänger mit einem persönlichen Namenszug aus kleingesägten Stücken eines alten Skateboards; selbstgemachte Seife; kunstvoll handgeknüpfte Armbänder; winterliche Teelichtgläser; Vogelfutterröhren aus Baumrinde u.v.m.

Falls jemand mal keine Idee hat, ist das auch ok.

Ich habe mir für dieses Jahr etwas ganz Spezielles für meine Familie einfallen lassen. Etwas, das es noch nie gab. Ich bin schon sehr auf die Gesichter gespannt. Aus verständlichen Gründen kann ich an dieser Stelle jedoch nicht näher darauf eingehen, ihr versteht.

Und noch eine Besonderheit ist für uns zur Selbstverständlichkeit geworden: Wir kaufen kein Geschenkpapier mehr! Wozu überflüssiges Verpackungsmaterial produzieren, dass in nur wenigen Augenblicken in zusammengeknüllte Papierberge verwandelt wird? Wir wickeln alles in Zeitungspapier oder Illustriertenseiten ein, was in mir immer ein belustigtes, inneres Schmunzeln hervorruft. Altbestände an weihnachtlichen Papiertüten werden jahrelang von einem zum anderen weitergereicht, bis sie irgendwann wieder an ihrem Ausgangspunkt landen. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie schon ein wenig angekratzt sind. Ihren Zweck erfüllen sie allemal.

Den Rest des Weihnachtsabends sitzen wir gemütlich zusammen, reden miteinander, scherzen, lachen oder legen Karten. In diesem Jahr könnten wir vielleicht mal ein paar Spiele machen.

In Irland gibt es in einigen Gegenden einen schönen Brauch. Man stellt am Weihnachtsabend ein Licht oder eine Kerze ins Fenster. Vorbeikommende Menschen, die an diesem Abend alleine sind, wissen, hier finden sie Einlass und sind willkommen. Sie werden in dem Haus herzlich aufgenommen, bekommen zu essen und dürfen das Weihnachtsfest im Kreise dieser Familie verbringen. Ich finde, das ist eine wundervolle Tradition. Denn mal ehrlich, wer in Deutschland würde am Heiligabend eine fremde Person in sein Haus aufnehmen, verköstigen und mit ihr feiern? Vielleicht dürfen wir auf diesem Gebiet unseren Horizont und unsere Menschlichkeit noch ein wenig erweitern.

Möglicherweise liegt der Sinn von Weihnachten einfach nur darin, mit lieben Menschen eine schöne Zeit zu verbringen, Spaß zu haben und Freude zu teilen. Ich wünsche mir, dass zu diesem besonderen Fest niemand einsam sein muss und es mit Frieden im Herzen und Frohsinn in den Gedanken verbringen kann.

Frohes Fest euch allen da draußen!

Euer tapferes Schreiberlein

Claudia Amend

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