Kleine Bau(Kunst)werke am Wegesrand

Kleine Bau(Kunst)werke am Wegesrand

Wer heute die Veste Heldburg besuchen will kommt dabei zwangsläufig auf seinem Weg an Besonderheiten der Straßengestaltung vorbei. Besonders auffällig ist dabei, dass sich besonders viele steinerne Wegweiser, Kilometersteine und steinerne Ruhebänke sich im ehemaligen Herzogtum Sachsen-Meinigen befinden.

Wer von Ihnen ist nicht schon unzählige Male an der Holzhäuser Kreuzung an einem steinernen Wegweiser und dann weiter in Richtung Völkershausen an einer Steinbank vorbeigefahren?

Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, wie alt sie sind und aus welchen Gründen diese Bauwerke am Straßenrand stehen? Für mich war ein Ereignis im letzten Sommer Anlass, darüber einmal Näheres in Erfahrung zu bringen. Gehören diese Objekte, von denen es im Heldburger Land und darüber hinaus einige gibt, auch nicht unmittelbar zu den Bodendenkmalen, so sind es doch kleine Baudenkmale, die in ihrer baulichen und farblichen Schönheit dem aufmerksamen Betrachter wohl auffallen. Es hat mich überrascht zu erfahren, dass es diese schmucken Steine und Bauwerke in ihrer Häufigkeit und Regelmäßigkeit deutschlandweit nur auf den Straßen des ehemaligen Herzogtums Sachsen-Meiningen gibt!

Es passierte im Sommer 2019. Bei Mäharbeiten am Straßenrand unterhalb des Kreuzberges ca. 500 m vor dem Hundshauk wurde die dort stehende, aus Basaltsteinen errichtete Bank beschädigt. Der Straßendienst hat sie notdürftig geflickt, der Vorfall ist aktenkundig und nun harren wir der Dinge, die da kommen werden. Bei mir hat das jedenfalls die Neugier geweckt, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Dabei fiel mir ein Buch vom Verlag Frankenschwelle aus dem Jahre 1999 in die Hände: „Kleine Bauwerke am Wegesrand“ von Margarete Baum und Lothar Krahner.

Ein kleiner historischer Rückblick kann uns zu Beginn sehr hilfreich sein. Das Straßennetz des Herzogtums Sachsen-Meiningen, zu dem seit 1826 auch das Heldburger Unterland des ehemaligen Herzogtums Sachsen-Hildburghausen gehörte, genügte den Anforderungen des 19. Jh. nicht mehr. Die einfachen, oft noch auf dem natürlichen Boden verlaufenden, ungleichmäßigen und wegen des hügeligen Geländes schwierigen Fahrwege waren für den zunehmenden Transport ungeeignet. Chausseen, das sind „versteinte Straßen“, entstanden. Diese bestanden aus einem steinernen Packlager als Unterbau und einer Schotterdecke. Auf der gesamten Straßenlänge mussten zwei Fuhrwerke aneinander vorbeifahren können und Bankette sowie Wasserabflussgräben gewährleisteten eine ständige Benutzbarkeit.

Mit der kraftvollen wirtschaftlichen Entwicklung des 19. Jahrhunderts  - mit Bildung des Deutschen Bundes fielen 1833 die Zollschranken, die Werrabahn wurde 1858 eingeweiht, neuartige Fahrzeuge wie Fahrrad, Motorrad und Automobil wurden entwickelt - setzte ein Landstraßenbau größeren Umfanges ein. Damit die Chausseen dem Kraftfahrzeugverkehr Genüge tun konnten, mussten sie diesem angepasst werden. Nicht nur die Straßendecke hatte den Automobilreifen standzuhalten, auch ein Informationssystem sollte fremde Fahrer informieren. Die Dorfbewohner verließen die Orte um zur Arbeit zu gelangen – das Jahrhundert der Mobilität hatte begonnen und die Anforderungen an die Straßennutzung waren größer und vielgestaltiger geworden.

Mit der Reichsgründung 1871 erfolgte zwar eine staatliche Einigung, Deutschland aber war damals schon ein Bundesstaat und die gesamte allgemeine Verwaltung verblieb in der Zuständigkeit der einzelnen Bundesländer und so behielt auch das Herzogtum Sachsen-Meiningen die Straßenhoheit.

Georg II. erließ 1875 ein „Gesetz, die Straßen betreffend…“. Die bisherigen Staatsstraßen wurden den Gemeinden übertragen und damit auch die Baulast, sie bekamen zugleich aber auch den Anspruch auf das sog. „Chausseegeld“! Die Gemeindestraßen, auch Vizinalwege genannt, die von den Dörfern und Städten durch ihre Feldfluren zur Nachbargemeinde führten waren die Ortsverbindungsstraßen. Zu den Kreisstraßen zählten nunmehr bestimmte Straßen die dem Durchgangsverkehr dienten, z. B. die alten Poststraßen. Das Straßengesetz bestimmte auch die Maße und den Ausbau. So sollten die Hauptstraßen eine Fahrbahnbreite von 5 m und beiderseitige Bankette von jeweils 1,15 m haben. Die Fahrbahn sollte gewölbt sein (in der Mitte 0,30 m, an den Seiten 0,24 m) um den notwendigen Wasserablauf zu gewährleisten. Um einen gefahrlosen Straßenverkehr zu erreichen wurden Schutzvorrichtungen wie Prellsteine und Böschungen vorgeschrieben. In Artikel 11 des Gesetzes wurde nun die Ausstattung der Landstraßen mit Wegweisern, steinernen Merkmalen über die Wegelänge sowie die Bepflanzung der Straßenränder mit geeigneten Bäumen angeordnet. Die Hauptverantwortung lag beim Meiniger Staatsministerium Abt. Inneres und so gelang die Entscheidungsbefugnis 1880 in die Hände von Wasser- und Straßenbaumeister Eduard Fritze. Den Heldburgern wird er durch seine Abhandlung über den baulichen Zustand der Veste Heldburg sicher bekannt sein. Der Artikel 11 des Straßengesetztes war, was die Wegeausstattung betraf, weit gefasst und so erhielt Oberbaurat Fritze als „oberste Straßenbehörde“ einen breiten Ermessungsspielraum, den der kunstsinnige und menschlich denkende Landesbeamte vortrefflich nutzte um einen ästhetischen, naturverbundenen, kulturvollen sowie sozial hilfreichen Straßenbau durchzusetzen.

Doch zurück zu unserer Bank. Es ist heute kaum noch vorstellbar, wie viel auch noch nach Einführung von Auto und Bahn zu Fuß gelaufen wurde. Deshalb hielt es OBR Fritze für gerechtfertigt mit Einrichtungen auszustatten, die das Reisen erleichtern sollten. Dazu gehörten solche Rast- und Ruheplätze, wie die Bank zwischen Heldburg und Völkershausen. Weitere solcher Bänke finden wir zwischen Sophiental und Steinfeld oder zwischen Gompertshausen und Rieth. Sie verschönern noch heute das Straßenbild und bieten in naturreicher Umgebung eine gute Fernsicht.

Unweit der Stelle unserer Bank finden ein noch ein weiteres beeindruckendes Merkmal des Straßenausbaues im ehemaligen Herzogtum – einen steinernen Wegweiser am Abzweig nach Holzhausen. Dieser steht hier an dieser Stelle wohl auch mit Bedacht, verlief doch schon im Mittelalter eine Weinstraße durch dieses Gebiet.

Ich möchte mit Ihnen gemeinsam, liebe Leser, versuchen, Ihnen diese Kleindenkmale hier bei uns ins Bewusstsein zu bringen, sind sie doch täglich Gefahren wie Baumaßnahmen, Unachtsamkeit oder Verkehrsunfällen ausgesetzt. Lassen Sie uns die Zeugnisse vergangener Zeiten, die Landeshoheitszeichen, die steinernen Wegweiser, die Flur-und Gemarkungssteine und die Ruheplätze im Heldburger Land suchen.

Dr. Klaus Schwenk

 

 

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