Mit der Reisekutsche von Odessa nach Heldburg

Es ist ein inneres Wechselbad der Gefühle für Franziska B., von allen „Fany“ genannt. Zum einen ist es die Vorfreude und die neugierige Erwartung auf das künftige Leben in der Heimat ihres Gatten Lorenz B. Sie werden in das viel gelobte Deutschland übersiedeln, das Land der berühmten Dichter und Musiker, fleißigen Handwerker und tüchtigen Bauern, der Kultur und des Lebensgenusses. Zum anderen ist es die Wehmut des Abschieds vom glücklichen Leben in Odessa. Wird sie jemals wieder hierherkommen? Oder ist es ein Abschied für immer von den Eltern und Geschwistern, besten Freunden und lieben Nachbarn, vom turbulenten Treiben einer jungen Hafenstadt?

Odessa in den Jahren nach der Gründung
 

Katharina die Große von Russland hatte diese Stadt erst im Jahre 1794 gegründet und Siedler aus europäischen Kulturländern angeworben. Diesem Ruf waren auch die Eltern von Fany aus Deutschland gefolgt. Der Vater avancierte schnell zum Odessaer Hafenbeamten, sodass Fany wohlbehütet in gehobenem Wohlstand aufwuchs. Sie und ihre Geschwister besuchten die höhere deutsche Schule. Die französische wie auch die englische Sprache gehörten zu ihrem Lernprogramm. Fany soll insgesamt fünf Sprachen beherrscht haben. Als Gouvernante ausgebildet, kam sie in die Familie eines Großgrundbesitzers, in welcher ihr die Erziehung der Kinder anvertraut wurde.

Nach einer langen Wanderschaft durch mehre europäische Länder kam der Heldburger Metzgergeselle Lorenz B. nach Odessa. Er war nach einem Familienstreit mit dem Vater, einem strengen und unbeherrschten Despoten, aus dem Elternhaus gewiesen worden. Mit einem einzigen preußischen Taler als Wegzehrung, den ihm die Mutter noch heimlich zusteckte, hatte er sich auf den Weg gemacht. In Odessa lernte er die bezaubernde Fany kennen und lieben. Die Eltern der Braut willigten gerne in den Antrag des jungen Mannes ein, hatte er doch bereits gemeinsam mit seinem Freund und Teilhaber eine gut gehende Fleischerei eingerichtet. Am 25.11.1852 fand die Hochzeit nach teils deutschem, teils russischem Ritual statt.
Die Geschäfte von Lorenz Geschäfte waren sehr erfolgreich, und er gehörte bald zu den angesehenen Familien der jungen Welthafenstadt. Nach vielen Jahren meldete er sich endlich mit einem Brief bei den Eltern. Er wurde eingeladen und reiste besuchsweise nach Heldburg. Die Mutter bat ihn daraufhin inständig, wieder nach Hause zu kommen und das elterliche Anwesen zu übernehmen.

Zurück in Odessa ließ ihn das Heimweh nicht mehr los. Lorenz hat lange mit dem Gedanken der Rückkehr gerungen. Wenn er sein Vermögen verkaufen und das Ersparte dazulegen würde, hätte er in Heldburg ein gutes Startkapital. Es war sein Traum, eine Großfleischerei zu bauen.
Würde es sich lohnen, alles aufzugeben und aus dem weltstädtischen Odessa in das kleinstädtische Heldburg zu übersiedeln? Mittlerweile keimte bei den russischen Familien Neid und Gehässigkeit auf die erfolgreichen Deutschen. Es gab gelegentlich sogar Anschläge, die Fany während der Abwesenheit ihres Mannes hinnehmen beziehungsweise mit Lösegeld abwenden musste. Demgegenüber erzählten ihr die Kapitäne deutscher Schiffe von der traumhaften Schönheit des Lebens in Deutschland. Das nährte ihren Mut, sich auf das Wagnis einzulassen.

Bis alles geregelt war, sollte es jedoch noch längere Zeit dauern. Die zaristische Regierung wollte keine Abzugspapiere ausstellen, die jedoch zur Legitimation beim Passieren von Grenz- und Zollposten der verschiedenen Staaten auf der Strecke unabdingbar waren.

Fany war gerade mit dem vierten Kind schwanger, und so sollte erst die Geburt glücklich vonstattengehen. Danach war abzusehen, wann diesem jüngsten Kind die abenteuerliche Reise zugemutet werden konnte.
Fany, 25 Jahre alt, musste genau überlegen, was alles mitgenommen werden sollte beziehungsweise was für die vier kleinen Kinder und ihre Eltern notwendig sein würde. Vieles Liebgewordene musste veräußert werden oder zurückbleiben. Ein großer, gut gefederter und mit einer Plane überspannter Reisewagen wurde beschafft. Genügend Raum musste bleiben, damit die Kinder im Alter von eineinhalb, drei, vier und sechs Jahren etwas Bewegungsfreiheit und auch eine Liegestatt während der Reise hatten. Ihr Leben sollte sich für ein Dreivierteljahr in der Pferdekutsche abspielen. Ein Vorrat an Futter für die Pferde musste ebenfalls Platz finden. Vierspännig sollte gefahren werden, denn Lorenz hoffte auf den Verkauf von zwei Pferden bei der Durchfahrt in Österreich. Das Land befand sich im Zweiten Italienischen Unabhängigkeitskrieg, und er hoffte, dort Pferde für gutes Geld absetzen zu können.

Lorenz hatte die Reisezeit für die ca. 2.000 km lange Wegstrecke berechnet, aber niemand konnte voraussehen, wie viele Hindernisse durch schlechte Straßen, Zollschranken, unzureichende Unterkünfte für die Nächte oder Witterungsunbilden dazwischenkommen würden. Die Pferde konnten nicht unbegrenzt belastet werden. Für die Nacht musste man einen Gasthof in einer Stadt finden, denn auf den unbeleuchteten Landstrecken war es nicht geheuer.

Nach der Schneeschmelze im Frühjahr begann die Reise. Bald schon hatten sie sich Angriffen von Wegelagerern und Zigeunern zu erwehren, die es auf die schönen Pferde abgesehen hatten. Da kam es schon vor, dass Fany mit den Kindern im Gasthof nächtigte, während der Kutscher und Lorenz unter dem Wagen oder im Stall bei den Pferden schliefen. Ein anderes Mal – es war schon dunkel geworden, ehe sie eine Herberge gefunden hatten – fiel eine Horde, Wölfe über die Pferde her. Ein Wolf sprang auf ein Pferd, der jedoch flugs von Lorenz mit dem Gewehr abgeschossen werden konnte.

Die Wegeverhältnisse waren sehr unterschiedlich. Hin und wieder gab es gut ausgebaute, feste Landstraßen, aber sehr oft waren die Wege ausgefahren, holprig oder sogar sumpfig, so dass sie stecken blieben.
Zwischenzeitlich mussten Mahlzeiten eingenommen und die Pferde gefüttert sowie getränkt werden. Dem Bewegungsdrang der Kinder galt es mit kürzeren oder längeren Pausen Rechnung zu tragen.
Es war Leibwäsche zu waschen und zu trocknen. Die Hufe der Pferde mussten von Zeit zu Zeit beschlagen und an den Wagenrädern die abgefahrenen Eisenreifen ersetzt werden. Fany war geduldig und hatte oft Mühe, die Kinder stets neu zu ermutigen. Doch auch sie selbst fragte immer häufiger, wie viel Werst – die russischen Bezeichnung für die Wegstrecke – es noch sind.

Fieberhafte Erkrankungen der Kinder und die Mühen, Futter für die Pferde zu werben, bedingten des Öfteren größere Unterbrechungen der Fahrt. Der Aufenthalt dauerte mitunter ein paar Wochen, in denen Lorenz zwischenzeitlich in seinem Beruf als Metzger aushilfsweise arbeitete und der Kutscher auf dem Land bei der Futtergewinnung half. Ein gelegentlicher Zuverdienst war willkommen, weil  sich die Reisekasse schneller schmälerte als gedacht. Damit wurde der Lebensmittelproviant wieder nachgefüllt und Futterrationen für die Pferde aufgepackt. Auch Regenperioden erzwangen mitunter längere Aufenthalte, so dass man mehrere Tage in Gasthöfen verbringen musste.

Die Reisenden enthielten sich aber auch nicht der Sehenswürdigkeiten oder gelegentlich anzutreffender Festlichkeiten auf der langwierigen Strecke. Die Hoffnung, in Österreich gutes Geld für die Pferde zu erlösen, sollte sich nicht erfüllen. Als sie dort ankamen, war der Krieg gerade beendet und es wurden kaum noch Pferde angekauft. Hinter der deutschen Grenze wurden sie für Zigeuner gehalten, was die Älteste der Kinder zu bitteren Tränen bewegte. Sie hatten unterwegs mit diesem fahrenden Volk ein paar unangenehme Erlebnisse gehabt, und daher wollte sie mit ihnen nicht verglichen werden.

Fany wünschte sich, so viel wie möglich von diesem Land und seinen Menschen zu erfahren, von deren Art zu leben, zu arbeiten und sich zu vergnügen. Endlich waren sie in der Großstadt Dresden angekommen, die Lorenz schon von seiner Wanderschaft kannte. Jetzt entschlossen sich die Reisenden, mit der Eisenbahn weiterzufahren. Fany war unterdessen in guter Hoffnung auf ein weiteres Geschwisterchen. Es sollte nicht noch in der Pferdekutsche auf die Welt kommen.

Bahnhof Meiningen 1860, mit dieser Bahn könnte die Anreise 1859 von Dresden nach Hildburghausen erfolgt sein.

Lorenz schenkte dem treuen Kutscher die Pferde mitsamt dem Wagen zum Lohn. Damit sollte er sich mit eigenem Geschick weiterhelfen. Die Fahrt mit der Eisenbahn war für alle ein neues Abenteuer. Zum ersten Mal saßen sie im Personenwagen der schnaufenden und ratternden Eisenbahn, die aber viel leichter, sicherer und schneller durchs Land fuhr als der frühere Reisewagen auf der holprigen Landstraße. Die Fahrt ging über Erfurt bis Meiningen und von dort mit der Werrabahn, deren Strecke erst kurz vorher eröffnet wurde, nach Hildburghausen. Die Kinder drückten ihre Nasenspitzen an die Fensterscheiben und konnten das vorbeiziehende Wunder kaum begreifen. Die Laubbäume der Wälder leuchteten in bunten Herbstfarben. Fany durchströmte ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Das ist ihr neues Heimatland, das ist Deutschland!

Von Hildburghausen ging es mit Extrapost nach Römhild als letzte Zwischenstation. Die Nachricht über die Ankunft der illustren Reisegäste war ihnen bereits vorausgeeilt. Zuversichtlich wurden sie vom Bruder Conrad erwartet, während sich seine Frau, ängstlich vor der Haustüre stehend, vor den unbekannten „Russen“ fürchtete.

Das Haus am Schuhmarkt in Heldburg um 1920 (zweites von links)

Am nächsten Tag ging es mit der Postkutsche zum langersehnten Ziel. Auch im Städtchen Heldburg war man aufgeregt, und jeder wollte die ankommenden Russen sehen. Doch die Postkutsche fuhr bis zum Elternhaus am Schuhmarkt und lenkte in das geöffnete Hoftor, dass sich hinter ihr vor den neugierigen Augen der Zuschauer erst einmal wieder schloss.
 

Inge Grohmann


Die Autorin bedankt sich bei Claudia Bonsack für die Bereitstellung privater Dokumente und bei Ingrid Scharf für weitere Informationen.

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